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„Kennt ihr das Lied?“

Mein Alltag ist bestimmt von Diakonie. Manchmal ist er auch geprägt von Besonderem.
Zusammen mit meiner Kollegin Silvia Bolatzki begleite ich seit Januar 2013 ein Ehepaar, das in jenem Januar durch einen tragischen Unfall seinen 10-jährigen Sohn verloren hat.
So ging ich auch an jenem Mittwochabend zu ihnen. Ich war sehr müde, mit meinen Kräften am Ende. Das Gespräch gestaltete sich wie immer sehr intensiv. Nach zwei Stunden fanden wir einen gemeinsamen Abschluss. Anette (Namen geändert) nahm zum Schluss ihre Notenmappe. Sie ist eine leidenschaftliche Musikerin. Sie legte uns ein Notenblatt auf den Tisch. „Kennt ihr das Lied?“ Wir verneinten.
Dann begann sie zu singen:

Herr, bleib bei mir, der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis bricht ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du mein Gott nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!

Sie sang es wunderschön und klar. Sie sang es von ganzem Herzen, mit allem Schmerz und Trost. Es war ein Moment, an dem ich mich plötzlich ganz weit weg fühlte. Weit weg von all dem Schmerz und dem Leid, herausgerissen aus meinem Alltag und doch verbunden mit ihrem Schmerz. Die Müdigkeit war verflogen. Ein Moment fast wie im Himmel ... So muss es sein in jenem Augenblick, an dem unsere Tränen abgewischt werden (Offenbahrung 21). Ein Wimpernschlag voller Leid, Trost und Glückseligkeit. In meinen Alltag brach dieser Moment hinein und brachte ihn für 3 Minuten zum Stillstand.
Beschenkt fuhr ich nach Hause. Eigentlich wollte ich Anette trösten, doch an diesem Abend tröstete sie mich. 

Bernhard Kohlmann, Leiter Lechaim Lörrach