Natürlich miteinander umgehen

Über fünf Monate hinweg fand ein Weiterbildungskurs für Mitarbeiter und Schwestern zum Thema Demenz statt. Gudrun Jotzo-Herbold, Lehrerin an unserer Altenpflegeschule Manoah, leitete in leidenschaftlicher und sehr persönlicher Weise als Dozentin den Kurs.

Sehr praktisch konnte sie durch viele konkrete Beispiele aus dem Alltagserleben in den Feierabendhäusern und im Pflegeheim Hintergründe über das Verhalten und die Reaktionen dementer Personen erklären und verständlich machen. Ihre guten Hinweise und Tipps sind auch für den Umgang in anderen Situation sehr hilfreich.

Es ist nicht einfach, wenn sich eine Person, die man schon viele Jahre oder Jahrzehnte kennt, verändert. Erst ganz langsam und unauffällig – und plötzlich ist der uns vormals bekannte dominante und eher bestimmende Mensch so völlig anders. Erst ist es allenfalls die zeitliche, dann die örtliche, die situative und später die persönliche Desorientierung.

Wie aber damit umgehen, wenn eine geschätzte Schwester plötzlich im Morgenmantel, über ihrer Tracht, zum Frühstück erscheint? Zuerst war es für einige Schwestern ungewohnt und kaum möglich, so etwas zu akzeptieren. Eine Schwester aber sagte zu ihr: „Schwester, Sie haben sich für den Ausgang schon richtig hübsch gemacht.“ Damit war  „das Eis gebrochen“. Die Schwester wurde nicht diskriminiert und die subjektive Wirklichkeit anerkannt. Später erkannte die Schwester wohl, dass es sich um einen Morgenmantel handelte und sich dies nicht geziemt – sie zog ihn von sich aus aus.

1. Akzeptieren der subjektiven Wirklichkeit
Es gilt die subjektive Wirklichkeit einer demenziell veränderten Person anzuerkennen. Dagegen vorzugehen, bringt Ihnen und der  „ver-rückten“ Person nur Stress. Die Verkennung wird sehr oft, wenn sie aus dem Blickfeld rückt, vergessen.

2. Immer eines nach dem anderen
Demente haben eine eingeschränkte Wahrnehmung. Deshalb ist es wichtig, dem Menschen von vorn und in Augenhöhe zu begegnen. Immer nur EINE Frage stellen oder EINE Aufforderung geben. Und dann abwarten. Mehr kann häufig kognitiv nicht aufgenommen oder verarbeitet werden.  „Ziehen Sie sich die Schuhe an, kommen Sie in die Küche, wir wollen frühstücken...“ Geht gar nicht. Was bleibt  „hängen“? Eventuell  „frühstücken“. Dann kommt die Person  unter Umständen auf Strumpfsocken oder im Nachthemd. Aber es geht ja ums Frühstück.

3. Den „roten Faden“ in der Biografie beachten
Entwickeln Sie zuerst ihre eigene Biografie. Wo kommen Sie her? Wo möchten Sie Ihren Lebensabend verbringen? Was und wer hat Sie geprägt? Sich selbst verstehen, hilft auch andere zu verstehen.
Alle Diakonissen hatten auch ein Leben vor dem Eintritt in die Schwesternschaft. Vielleicht gab es nach dieser Zäsur im Leben auch Veränderungen der inneren Haltung, nicht nur der äusseren, die sich mit der Tracht manifestierte. Versuchen Sie diese Lebensthemen bei einer dementen Person zu suchen und aufzuschreiben. Dies hilft, wenn wieder unverständliche Situationen auftreten. Bestimmte Situationen können dann vorhergesehen und es kann praktisch darauf reagiert werden.

4. Natürlich miteinander umgehen
Wir gehen so mit den Menschen um, wie man mit jedem Nicht-Dementen umgeht. Wir wollen den anderen nicht verkindlichen. Jeder Mensch ist ein Individuum und genauso ist jeder Mensch in seiner Demenz individuell. Sicher, es gibt bestimmte Gemeinsamkeiten in der Erkrankung, doch äussern sich diese verschieden. Deshalb aufmerksam und wertschätzend wahrnehmen.

5. Gefühle ansprechen
Demente Menschen sind kognitiv verändert, doch auf der Gefühlsebene nehmen sie alles wahr. Diese Gefühle können direkt und sofort geäussert werden. Demenziell Veränderte haben bestimmte  „Antriebe“, d.h. Lebensthemen, und auch in ihren Gefühls­äusserungen eine entsprechende Grundhaltung (Melancholiker, Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker).

6. Genügend trinken und essen
Essen und Trinken sind absolut wichtig. Gerade in den Sommermonaten ist darauf zu achten, dass eine demente Person genügend trinkt. Wir haben ausprobiert, wie es wirkt, wenn ein Getränk eine Farbe hat und dann in einem durchsichtigen Glas eingeschenkt wird. Weiterhin wie es wirkt, wenn dieses Glas auf einem farbigen Untergrund steht. Dazu habe ich eine demenziell veränderte Person gefragt, welches der bereit gestellten Gläser besser erkannt werden kann. Es kam die sofortige Rückmeldung, dass es sich um ein Glas Orangensaft handelte, welches auf einer roten Serviette platziert war. Demente essen gern Süsses. Stellen Sie darum immer ein paar Kekse o.ä. parat.

Und am besten ist – einfach und natürlich sich aneinander freuen und miteinander leben.

Gudrun Jotzo-Herbold, Dozentin, Altenpflegeschule Manoah