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Ohne Gestern kein Morgen

Wer beständig, solide und vor allem nachhaltig bauen möchte, tut gut daran, zuerst den Boden und den Baugrund gut zu erforschen. Nur auf einem soliden Fundament können neue Räume Heimat für nächste Generationen werden.
So war es auch in Israel nach dem Exil. Die Aufbruchstimmung war durch die harte Realität schnell verflogen. Erst durch den Weckruf Gottes und das Wirken seines Boten Haggai wurde das Volk wieder bereit, Neues zu wagen. Der Tempel sollte wieder gebaut werden. Der Ort der Versöhnung, der Ort der Anbetung, der Ort der Begegnung, der Ort der Weisung – all das hatte ihnen gefehlt in den vergangenen Jahren. Aber nun sollte es wieder losgehen.
Die Gefahr aber war, zu vergleichen mit dem alten Tempel.
„Ach, wie war es früher so schön…“ „Aber das haben wir doch immer schon so gemacht“– kennen Sie das auch? Solche Aussagen können sehr blockieren und das Werk des Herrn heute hindern. Erfahrungen der Vergangenheit sind keine Parkplätze, sondern Wegweiser. Heute baut Gott sein Reich, durch uns, trotz uns und ohne uns.
Tradition ist wertvoll, weil sie uns eine Beständigkeit gibt und einen Rahmen, in dem wir uns entfalten können. Werte müssen erhalten werden. Formen müssen sich ändern, sonst verlieren Werte an Wert. Hier zu unterscheiden ist lebensnotwendig. In der Tradition der Väter und Mütter des Glaubens zu arbeiten, bedeutet heute, mit der Leidenschaft, Liebe zu Jesus, Dynamik und Hingabe der Väter und Mütter zu arbeiten. Nicht mit deren Methoden.
„Und der Herr erweckte…“ (Haggai 1,14) – das war die eigentliche Wende. Nun kamen sie und arbeiteten mit neuer Kraft und Motivation. Vielleicht mit geringeren Möglichkeiten, vielleicht mit weniger Menschen, vielleicht mit weniger Geld, aber das ist nicht entscheidend. Hauptsache Gottes Sache geht vorwärts. Was uns dann antreibt, ist nicht: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben“ oder: „…sonst sterben wir aus“, sondern – der Auftrag Gottes: „Lasst mein Haus nicht wüst stehen“ (Haggai 1,9). Und wenn Gott mitbaut, dann wird es gut. Unter seinen Händen wird das, was wir geben, immer vervielfältigt. Wer das hingibt, was er hat, der kann nur staunen, was Gott daraus macht. So wächst Neues. So gestaltet sich Gegenwart – auf dem guten Fundament der Vergangenheit gehen wir zuversichtlich und manchmal auch verwegen in die Zukunft.

Pfarrer Friedhelm Geiß, Theologische Leiter des DMH