Lange habe ich überlegt, welches Wort der deutschen Sprache am besten zu „Beten“passt. Ich entschied mich für „Sehnsucht“. Ich bete aus tiefstem innerem Antrieb, aus einer natürlichen Bewegung meines Herzens heraus.

Sehnsucht ist eine tiefe Suchbewegung, die sich in mir ereignet. Dabei ist Sehnsucht ein paradoxes Geheimnis: Sie gehört ganz zu mir und kommt doch aus tieferen Quellen. Sie geht durch mich hindurch, wie der Wind durch die Saiten einer Harfe geht und sie zum Klingen bringt. Ich glaube, dass kein Mensch auf der Welt ein wirkliches Gebet sprechen kann, wenn er nicht Sehnsucht verspürt, wenn Sehnsucht nicht der Anfang von allem ist.

Es gibt einen eigenen Psalm, der mit „Sehnsucht nach Gott“ überschrieben ist; es ist Psalm 63. David befindet sich auf der Flucht vor Saul. Saul verfolgt ihn mit dem Schwert, will ihn töten. David zieht sich in die Wüste zurück. David ergeht sich nicht in Flüchen über seinen Verfolger; er wünscht sich auch nicht bloß eine pragmatische Lösung seiner augenblicklichen Konflikte. Davids Sehnsucht streckt sich auf die fundamentale Annahme hin aus, dass es eine Sicherheit in der Unsicherheit, eine Geborgenheit in der Verfolgung und ein Leben mitten im Tod gibt. Davids Sehnsucht findet ein Gegenüber – Gott – und eine Sprache – das Gebet.

Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.
Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen. Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen.


Dieser Psalm ist voller Erkenntnisse über das Wesen der menschlichen Sehnsucht: Ihr Verlangen geht zuletzt nicht auf Dinge, nicht einmal auf Menschen, sondern auf Gott: „Dich suche ich!“ Und warum? „Meine Seele dürstet nach dir!“ Sehnsucht, die wach wird auf nächtlichem Lager, ist das Korrespondenzorgan für die Wirklichkeit Gottes. Durst muss gestillt werden, sonst stirbt ein Mensch innerhalb weniger Tage. Ohne Gott ist der Mensch wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. Im Menschen ist eine Sehnsucht nach Gott – und sie muss unter allen Umständen „gestillt“ werden; anders ist wahres Leben nicht möglich. Dieses wahre Leben aber, an dem die Seele satt wird, kann man sich nicht selbst ­beschaffen: es ist nicht irgendeine vitale Kraft, die von unten her aufsteigt. Leben kommt vom Ansehen Gottes her – in altertümlicher Sprache von seiner Huld. Wie die Sonne die Blumen anschaut, so regen sich in der Sonne Gottes unsere Lebenskräfte.

Aber auch in Gott ist eine Sehnsucht, ein Dürsten nach der Liebe des Menschen, ein Geheimnis, das die zentrale spirituelle Entdeckung von Mutter Teresa war.

Über keine Schriftstelle erschrak sie so tief und nachhaltig wie über die Worte am Kreuz „Mich dürstet!“(Joh 19,28). In allen Niederlassungen ihrer Schwestern musste ein Mich-dürstet-Bild in der Kapelle aufgehängt werden, das täglich betrachtet werden sollte. Noch auf dem Totenbett, in ihrem Testament, erinnerte Mutter Teresa ihre Schwestern an ihre eigene Urerfahrung: „Nicht nur, dass er euch liebt, sondern mehr noch, dass er sich brennend nach euch sehnt. Ihr fehlt ihm, wenn ihr euch ihm nicht nähert. Ihn dürstet nach euch. Er liebt euch ständig, auch wenn ihr euch dessen nicht würdig fühlt. Wenn ihr von den anderen nicht angenommen werdet oder ihr euch manchmal sogar selbst nicht annehmen könnt – so ist er derjenige, der sich euch immer annimmt.“ Das Leben dieser großen Frau hat jemand als „Martyrium der Sehnsucht“ bezeichnet. Sie, der sich Gott so viele Jahre ihres Lebens entzog, wusste alles über die Sehnsucht, alles über das Gebet.

Beten aus Sehnsucht, beten in Sehnsucht, beten im Raum der Sehnsucht Gottes nach uns – das schien mir das Richtige zu sein, als ich mir, in der Absicht, ein kleines Buch über das Beten zu schreiben, noch einmal das Wort von Antoine de Saint-Exupéry ansah. Nein, ich bin weder ein Meister des Schiffbaus noch ein berufener Lehrer des Betens. Ich kann nur Zeugnis geben von einer nachhaltigen Suche nach Gott, von einem Geheimnis, das mich gepackt hat. Ich kann nur einladen in die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Auszug aus:
Beten. Eine Sehnsucht
von Bernhard Meuser, fontis-Brunnen, Basel, Seite 52-63
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