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Beten – mit allem, was in mir ist

„Für mich ist das Gebet so etwas wie ein Haken, den ich in den Himmel werfe. Habe ich erst ein paar Haken dort oben festgemacht, dann kann ich daran schaukeln, wenn mir jemand die Welt unter den Füssen wegzieht.“
Der Jugendliche, von dem dieses Zitat stammt, hat gespürt, dass Beten sich nicht auf ein Formulieren von Worten oder Sätzen beschränkt, sondern dass man zum Beten all seine Sinne gebrauchen kann, eben „alles, was in mir ist“.
Auch ich mache das gerne, besonders wenn ich auf meinen Spaziergängen alleine in Gottes wunderbarer Schöpfung unterwegs bin. Nein – ich mache es gar nicht, es kommt ganz von selbst, dass ich „Haken dort oben festmache“:
Unüberhörbar ist es – das Konzert der Vögel, das von allen Seiten durchs Tal schallt. Ich muss einen Moment stehen bleiben, um diese Klänge zu geniessen und in mich aufzunehmen. „Alles in mir“ dankt Gott für diesen Genuss und dafür, dass ich Ohren habe, ihn zu hören.
Im Wald ein weisses Meer von Buschwindröschen, an den steilen Wiesenhängen zartgelbe Schlüsselblumen, funkelnde Tautropfen auf jedem Grashalm, auf jedem Blatt. Beim Ausblick etwas weiter oben: Mein Dorf, in dem ich zuhause sein darf, und noch weiter in die Ferne: Die Berge der Schweiz und des Südschwarzwaldes. Und über allem Gottes weiter Himmel. Wie von selbst formen sich Worte und Melodie: „Herr deine Güte reicht soweit der Himmel ist und deine Wahrheit soweit die Wolken gehen!“
Inzwischen ist es Sommer geworden, die Luft riecht sogar schon herbstlich. Erste Felder sind gepflügt. Ich freue mich über die grossen frischen Erdschollen, nehme einen Klumpen davon in die Hand, zerkrümele ihn mit den Fingern und schnuppere – wie gut diese Erde riecht! Und diesen guten Erdboden Gottes darf ich bearbeiten, darauf wohnen und leben!
Aber auch anderes, „was in mir ist“, kann sich bei einem Spaziergang Luft machen:
Ich werde erinnert an Menschen, die mir und meiner Familie bitteres Unrecht zugefügt, Vertrauen zerstört und missbraucht haben. Mich packt die Wut, ich stampfe auf den Boden, nehme Steine vom Wegrand und werfe sie ein paar Meter weit. Ich erschrecke über meine eigene Aktion. „Entschuldige bitte, Herr, ich weiss, das tut man nicht. Ich konnte einfach nicht anders.“ Und ich spüre, wie Gott mich, sein trotziges Kind, in die Arme nimmt und sagt: „Ist ja schon gut. Ich halte das aus. Bei mir darfst du das!“ Was für ein guter
Vater Gott doch ist!
Ein anderes Mal befindet sich ein kleiner Zettel in meiner Hand. Nach etlichen hundert Metern schnellen Schrittes halte ich inne und lese:
„Ich bin Gottes geliebtes Geschöpf, von unendlichem Wert, für die Ewigkeit bestimmt.“
Ich gehe langsam weiter, lese immer und immer wieder laut, eine Melodie formt sich und ich singe diese Worte. Vor Freude laufe und springe und singe ich: „…Gottes geliebtes Geschöpf, von unendlichem Wert…“
Diese zwei Erlebnisse liegen schon mehrere Jahre zurück, und es gab durchaus Zeiten, in denen der Boden unter meinen Füssen zu schwinden drohte und ich keine Worte zum Beten fand. Doch die Worte und die Melodie dieses Zettels sind bis heute in mir. Und gleichzeitig sind sie so fest verankert in Gott, dass sie tatsächlich „Haken sind, an denen ich schaukeln kann, wenn mir jemand die Welt unter den Füssen wegzieht“.

Christa Geiß, Seelsorgerin