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Es hat lange gedauert, bis ich verstand, dass Klagen auch eine Gebetsform ist, wie Dank, Anbetung, Lob, Fürbitte auch. Gelehrt hatte mich allerdings niemand, wie ich im Gebet klagen kann. Ich hatte eher eine Scheu davor. „Ich soll nicht klagen, ich soll doch loben!“ oder „Seid dankbar in allen Dingen!“ oder „Du darfst nie fragen warum, sondern immer wozu!“ – Kennen Sie diese Sätze auch? Und was haben die ausgelöst? Bohrte tief innen nicht doch die Frage „Warum“?
Bis ich die Psalmen studierte. Ich wollte mit ihnen „Gott loben“ lernen und entdeckte dabei, dass ein Drittel der Psalmen Klagepsalmen sind. Immerhin in 50 Psalmen kommen Zweifel, Sorge, Not und Angst in Klageversen deutlich zum Ausdruck. Besonders in Psalm 13. David durchlebt eine Zone geistlichen Vakuums. Er ist im Begriff, unter dem Schweigen Gottes, seinen Sorgen und dem Einfluss von Menschen, die ihm übel wollen, zu zerbrechen. Die Tage der Freude sind geschwunden. Er fühlt sich von Gott vergessen. Das löst in ihm die Frage nach dem „wie lange“ oder „warum“ aus. Und damit steht er in guter Gesellschaft von Menschen in der Bibel, die ähnlich beteten: Hiob, Habakuk, Jeremia – bis hin zu Jesus selbst. Am Kreuz schreit er in die Finsternis Worte aus Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Ps 22,1; Mt 27,46; Mk 15,34). Wie tröstlich ist diese Erkenntnis für Menschen, die gerade durch Leid und Dunkelheit müssen. Ich darf klagen. Ich darf meine Fragen Gott entgegenschleudern. Ich darf fragen „Warum?“ Wichtig: Ich komme damit zu Gott selbst. Wer sich vor Menschen beklagt, kann leicht kläglich werden und klagt an. Wer aber seine Klage zu Gott bringt, der kann über der Klage zur Gewissheit der Nähe Gottes kommen und zum befreienden Lob. Wieder ist mir Psalm 13 ein Modell fürs Beten. David überlässt sich nicht dem Schweigen Gottes, er ringt um seine Zuwendung. Er weiss, ohne das Reden Gottes bin ich verloren. So kommt er von der Klage zur Bitte: „Herr – begegne mir wieder und erfülle mich neu mit der Freude deiner Gegenwart. Lass mich neu dich erkennen.“ David beruft sich einfach auf die Barmherzigkeit und Treue Gottes. Und das lässt ihn dann auch wieder zum Lob und zum Dank kommen. Allerdings – zwischen der Klage und der Bitte und dem Lob können Tage, Monate, manchmal auch Jahre liegen. Das ist nicht einfach und trotzdem ist es der Weg zur inneren Freiheit.

Pfr. Friedhelm Geiß, Theologischer Leiter

Psalm 13
Wie lange noch, Herr?
1 Ein Lied von David.
2 HERR, wie lange wirst du mich noch vergessen,
wie lange hältst du dich vor mir verborgen?
3 Wie lange noch sollen Sorgen mich quälen, wie lange soll der Kummer
Tag für Tag an mir nagen? Wie lange noch wird mein Feind über mir stehen?
4 HERR, mein Gott, wende dich mir zu und antworte mir! Lass mich wieder froh
werden und neuen Mut gewinnen, sonst bin ich dem Tod geweiht.
5 Mein Feind würde triumphieren und sagen: »Den habe ich zur Strecke gebracht!« Meine Gegner würden jubeln über meinen Untergang.
6 Ich aber vertraue auf deine Liebe und juble darüber, dass du mich retten wirst.
Mit meinem Lied will ich dich loben, denn du, HERR, hast mir Gutes getan.

Der Bibeltext ist der Übersetzung Hoffnung für alle® 
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