Ein Spaziergang "ganz allein mit Jesus"

Beten geschieht auf ganz vielfältige Weise. Eine Möglichkeit ist, bewusst einen Gebetsspaziergang zu unternehmen. Das geht eigentlich überall – im Stadtpark, zwischen den Weinbergen, am Waldrand oder auf einem Wanderweg.
Ich nehme dazu mein kleines Taschentestament mit Psalmen und ein kleines Notizbuch mit. Mir tut es gut, zuerst eine Strecke in kräftigem Tempo zu laufen, ohne viel zu denken. Sobald ich aber meine „schöne Strecke“ erreicht habe, kommt es nicht mehr auf Strecke oder Geschwindigkeit an, sondern jetzt darf ich Ruhe, Langsamkeit, Ausblicke und die Natur geniessen.
An schönen Stellen setze ich mich auf eine Bank oder auf einen Stein und beobachte und nehme wahr, was um mich herum geschieht. Ich versuche mit allen Sinnen aufzunehmen, was Gott mir hier an diesem Platz schenkt.

Bewusst sehen – ich geniesse die Aussicht, die Berge, das Wasser, die Tiere auf der Weide oder die Insekten vor mir in der Wiese oder auf dem Waldboden. Die Kleinigkeiten am Weg sind die grossen Wunder zum Staunen.
Bewusst hören – Ich nehme die Geräusche um mich auf – das Zirpen der Insekten, das Zwitschern der Vögel, den Wind, den Regen, den Bachlauf, das spielende Kind u.v.a.
Bewusst riechen – Ich schmecke die Luft und Gerüche.
Bewusst fühlen – ein Stück Holz, Rinde, eine Handvoll Erde, Blüten und Blätter, das Fell des Hundes …


Dabei entdecke ich erschreckt, wie sehr ich ein oberflächlicher Mensch geworden bin, der kaum noch selektiv wahr-nehmen kann. Viel eher drängt mich mein Inneres schnell weiter.
Doch ich will jetzt bewusst an dieser Stelle verweilen, den Blick ruhen lassen und den Atem spüren und hören. Und plötzlich spüre ich, wie gut das tut, wie befreiend es ist für Leib und Seele. Mein Herz wird weit und längst hat es in mir angefangen zu beten. Staunen führt zur Anbetung und zum Dank. Der Spaziergang wird zu einem Zwiegespräch zwischen Jesus und mir.

Zwischendurch lese und bete ich einen Psalm. Z.B. Psalm 8 oder 34. Dann wieder schreibe ich in mein Notizbuch Gedanken, Gebete, Weisungen und Verheissungen. Ich möchte festhalten, was in mir reifte.

Ob wir uns bei einem solchen Spaziergang mal begegnen? Dann nehmen wir einander wahr, freuen uns, stören uns aber nicht. Bis bald. 

Pfr. Friedhelm Geiß, Theologischer Leiter