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Ich darf „Papa“ sagen

Über den großen Exerzierhof des Kaisers in Rom rennt ein kleiner Junge. Wie er die Treppen zum Thronsaal hochläuft, kommen von beiden Seiten Soldaten und halten ihn mit ihren langen Spießen auf. „Halt, du kannst nicht einfach zum Kaiser rennen. Hier hat keiner Zutritt!“, herrschen sie den Jungen barsch an. Der Kleine pflanzt sich in ganzer Größe vor den starken Männern auf, schaut sie an und sagt: „Für euch ist es der Kaiser. Für mich mein Vater!“ Und rennt weiter. Das kleine Wort Vater hat alles verändert. Zum Vater kann ich einfach durch. Und genau das ist durch Jesus Christus geschehen. Seit Jesus auferstanden ist, ist der Weg zu Gott frei. Und mehr noch – ich darf einfach „Vater“ oder besser noch „Papa“ sagen. Paulus schreibt das den römischen Christen: „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht. Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben. Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: »Abba! Vater!«“ (Römer 8,15 nach der Basisbibel). Und „Abba“ ist ein Kosename für Vater – wie Papa oder Papi. Was für ein Vorrecht, beten zu können. Beten ist kein Ritual, bei dem ich besonders ausgewählt, vorsichtig oder in einer bestimmten Stimmlage sprechen muss. Ich darf zu Gott sprechen wie zu einem vertrauten Menschen. Einfach, schlicht und ehrlich. Eben wie mir’s ums Herz ist oder was mir im Magen grimmt oder auf die Schultern drückt. Wie gut, dass mein Vater im Himmel hört und versteht. Er versteht’s auch, wenn ich klage oder keine Worte mehr finde. Ich bin geliebt, angenommen und erwartet. Das ist das Vorrecht eines Kindes, wenn es heimkommen oder mit lieben Menschen „chatten“ kann. Glaube an Gott ist eben gerade keine Religion, deren Regeln ich befolgen muss, sondern gelebte Beziehung. Das macht Glaube lebendig und Christsein ansteckend. Und manchmal, wenn mir die Worte zum Beten fehlen, dann greife ich gerne zu formulierten Psalmen oder Gebeten von Menschen, die ihr Vertrauen auf diesen Vater im Himmel setzten. Und das hilft mir wieder, zum eigenen Beten zu kommen. Manchmal zaghaft, aber voll Vertrauen. Eben wie ein Kind, das einfach „Papa“ sagen darf.

Pfarrer Friedhelm Geiß, Theologischer Leiter des DMH